Caritas Gtersloh

Unabhängige Beratung für Werksarbeiter-Familien etabliert

Ulrich Borchert (Vorsitzender des Caritasrates), Dr. Thomas Witt (Vorsitzender Caritasverband für das Erzbistum Paderborn) und Volker Brüggenjürgen, Vorstand Caritasverband für den Kreis Gütersloh (v.l.)

Caritas-Vorstand Volker Brüggenjürgen, Cornelia Hedrich, Frank Börgerding, Katrin Haude, Hanna Helmsorig (alle Berater für Werksarbeiter-Familien), Dr. Thomas Witt (Vorsitzender Caritasverband für das Erzbistum Paderborn) und Caritas-Vorstand Matthias Timmermann (v.l.).

Szabolcs Sepsi und Justyna Oblacewicz (Faire Mobilität Dortmund, DGB).

Die Caritas im Kreis Gütersloh berät seit einem Jahr im Kreisfamilienzentrum Herzebrock-Clarholz Familien mit Werkverträgen. Im Kreis Gütersloh arbeiten zurzeit ca. 4.000 Menschen mit Werkverträgen in der Schlachtindustrie. Die Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen dieser Arbeitnehmer und ihrer Familien sind  zum Teil sehr schwierig, menschenunwürdig und prekär.

 

Der Caritasverband möchte als Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche mit diesem Angebot den häufig in Armut lebenden Familien helfen. Deshalb wurde im Kreis Gütersloh ein neues unabhängiges, professionelles und für die Familien kostenfreies Beratungsangebot eingerichtet. In diesem multiprofessionellen (auch muttersprachlichen) Beratungsangebot arbeiten seit März 2016 Sozialarbeiter, Ärzte, Arbeitsrechtler und Dolmetscher zusammen, um hilfesuchende Familien unkompliziert beraten und begleiten zu können.

Der Vorstand des Caritasverbandes, Volker Brüggenjürgen, betonte: „Die Ziele des Projektes werden schon jetzt in vollem Umfang erreicht. Es ist uns in kürzester Zeit gelungen einen guten Zugang zu südosteuropäischen Arbeitnehmern und ihren Familien herzustellen. Nur deshalb können wir bei der Integration helfen und zu mehr Teilhabe in der Gesellschaft beitragen.“

 

Die größte Herausforderung sei es gewesen, mit den betroffenen Menschen in Kontakt zu kommen. „Sie tauchen in der Öffentlichkeit nicht auf, führen ein hermetisch abgeschlossenes Leben“, erklärte Brüggenjürgen. Doch durch Mund-zu-Mund-Propaganda sei es innerhalb kurzer Zeit gelungen, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, „die sonst staatlichen Institutionen eher misstrauen“. Die Projektmitarbeiterinnen konnten im letzten Jahr 155 Familien mit Werkverträgen beraten und begleiten. Dabei wurden insgesamt mehr als 500 Personen erreicht und 1489 Beratungen durchgeführt. Familien mit Werkverträgen sind oft durch schwierige Wohn– und Arbeitsbedingungen besonderen psycho-sozialen Belastungen ausgesetzt. 

 

Meistens sind es alltägliche Fragen oder Probleme, mit denen die Menschen zur Caritas ins Kreisfamilienzentrum nach Herzebrock-Clarholz kommen: ein Behördenbrief, ein Schreiben der Krankenkasse, die Nebenkostenabrechnung. „Wohnen ist immer wieder Thema“, sagten die beiden Caritas-Beraterinnen Cornelia Hedrich und Hanna Helmsorig, die in rumänisch und polnisch beraten. Sie hören immer wieder von eklatantem Mietwucher. Etwa bei dem Vater, der mit zwei Söhnen in einem Raum lebt und dafür 600 Euro monatlich zahlen muss. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse und fehlender Wohnungen im Kreis Gütersloh profitiere so mancher Privatvermieter von der Not der Menschen. „Die Schwächsten werden doppelt ausgenutzt“, kritisierte Volker Brüggenjürgen. Vor allem, dass die Subunternehmer als Mieter auftreten, sei das Problem. Damit hätten sie die Werksarbeiter in der Hand: Werden sie entlassen, müssen sie auch die Wohnung verlassen. „Job weg, Wohnung weg!"

 

Leidtragende sind vor allem auch die Kinder der Werkvertragsarbeiter. Sie sind oft entwurzelt, rebellieren in der Pubertät, haben keine Perspektive. „Die Eltern möchten, dass es ihre Kinder besser haben, sind jedoch häufig schlicht überfordert“, sagte Cornelia Hedrich. Solche Nöte kristallisieren sich oft erst im Laufe einer Beratung heraus. „Wenn die erste Frage geklärt ist, folgen meist viele weitere“, weiß Hanna Helmsorig.

 

Wenn es um arbeitsrechtliche Fragen geht, verweist die Caritas auf die Berater des Projekts „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Rheda-Wiedenbrück. „Da gibt es eine gute Kooperation“, sagte Caritas-Vorstand Brüggenjürgen. DGB-Projektkoordinator Szabolcs Sepsi kritisierte das System der Werkverträge, das den Verschleiß der Menschen in Kauf nehme. „Die Arbeiter berichten von einem rauen Umgangston, extremem Druck, schlechter Behandlung und Mobbing.“ Trotz Verbesserungen im Arbeitsrecht gebe es nach wie vor eine ganze Menge an Problemen, etwa, dass Überstunden nicht vergütet würden oder widerrechtlich Umkleide- und Wegezeiten oder Zeiten, in denen das Förderband stillsteht, nicht anerkannt würden. Kranken werde von einem Tag auf den anderen gekündigt. Häufig verlören sie dann auch sofort ihre Unterkunft. Die unmenschliche Behandlung erfolge „nicht durch einzelne schwarze Schafe“, sagte Szabolcs Sepsi. „Das hat System.“

 

Die Caritas-Beratung wird derzeit vollständig durch kirchliche Mittel finanziert. Volker Brüggenjürgen erklärt: „Diese Unabhängigkeit von staatlicher oder unternehmerischer Einflussnahme ist uns wichtig, um eine vertrauensvolle Brücke zu den Familien bauen zu können.“ Möglich wurde dies durch eine Projektförderung über den Armutsfonds des Erzbistums Paderborn.

 

Angestoßen wurde das unabhängige Projekt von Domkapitular Dr. Thomas Witt, Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes Paderborn, der durch Prälat Peter Kossen aus Vechta auf das Problem aufmerksam wurde. Angesichts der Not der Werkvertragsarbeiter dürfe die Caritas dort nicht fehlen, war Witts Fazit. Beim Gütersloher Caritas-Vorstand Volker Brüggenjürgen traf er damit auf offene Ohren. „Ich bin sehr dankbar, dass die Caritas Gütersloh dies aufgegriffen hat“, sagte Witt. Von der Not, die in den Beratungsgesprächen zutage traten, zeigte er sich erschüttert. „Hier geschieht eklatantes, moralisches Unrecht. In dieser Dramatik hätten wir das nicht erwartet.“ Gefördert wird das Beratungsangebot mit 100.000 Euro für zunächst zwei Jahre aus dem Armutsfonds des Erzbistums Paderborn.

 

Interessierte Familien können sich weiterhin direkt an das Kreisfamilienzentrum wenden. Für die Beratung stehen polnisch und  rumänisch sprechende Fachkräfte zur Verfügung. Somit kann die Beratung auch in diesen Sprachen erfolgen. Ansprechpartner ist Frank Börgerding vom Caritas-Kreisfamilienzentrum, Tel. 05245 8579866.