Gütersloh. „Wir stehen vor einem großen Dilemma“, sagte Frank Börgerding. „Unsere Beratungsstellen leisten eine gute Arbeit, aber wir müssen große finanziellen Herausforderungen stemmen. Dabei sollten wir als Gesellschaft alles dafür geben, damit Integration gelingt“, so der stellvertretende Fachbereichsleiter bei der Caritas Gütersloh. Das Netzwerk der Fachstellen für Flucht, Migration und Integration im Kreis Gütersloh hatte zu einem politischen Dialog eingeladen. Dem Netzwerk gehören die AWO, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz, Sozialdienst katholischer Frauen und Männer sowie die Caritas an. In der neuen Caritas-Geschäftsstelle tauschten sich die Vertreterinnen und Vertreter mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ralph Brinkhaus über den Zugang zum Arbeitsmarkt für Zugewanderte, die finanzielle Situation der Beratungsstellen sowie deren Bedeutung für eine gelingende Integration aus.
Hintergrund des Treffens war die anhaltende öffentliche Diskussion rund um Migration und Beratungsangebote, in der immer wieder auch von Mittelkürzungen die Rede ist. Das gesellschaftliche Klima werde rauer, die Debatte inzwischen abwehrend geführt, sagte Caritas-Vorstand Volker Brüggenjürgen. „Das ist ein großer Nachteil für die Menschen, die uns brauchen.“ Nathalie Sofinetti von der Integrationsagentur der AWO berichtete, dass die Stelle einer ihrer mehrsprachigen Beraterinnen nicht weiterfinanziert werde und stellte klar, dass sich Streichungen immer auch auf die Qualität der Arbeit auswirkten. „Fallen Angebote und Kontakte weg, werden andere Anlaufstellen wie Ämter und Ärzte stärker belastet und Integrationsbemühungen verlangsamt.“
Das Netzwerk kooperiert mit Institutionen und gibt Migrantinnen und Migranten Orientierung bei Alltagsproblemen wie Wohnungssuche, Besuche bei Ärzten oder Behörden. 2024 haben 17,55 Vollzeitstellen in der Migrationsberatung (MSOE), dem Jugendmigrationsdienst (JMD), der regionalen Flüchtlingsberatung und der Migrationsberatung erwachsener Zuwanderer (MBE) insgesamt knapp 5.000 Menschen mit Migrationshintergrund beraten. Die Anzahl der Beratungskontakte betrug rund 18.000. Schwerpunkte der Gespräche waren Ehe und Familie, Arbeit, Ausbildung, Umgang mit Ämtern und Aufenthaltsangelegenheiten. „Wir arbeiten trägerübergreifend eng zusammen und machen uns stark für die Klientinnen und Klienten“, fasste Frank Börgerding zusammen.
Die Teilnehmenden wiesen auch auf das komplexe Finanzierungssystem hin. Geld werde mal vom Bund, mal vom Land oder auch von den Kommunen zugewiesen, sagte Fatma Aydin-Cangülec von der Diakonie. Zudem seien Fördermittel meist befristet, was die Planungssicherheit erschwere. „Es ist für alle Beteiligten belastend, sich ständig zu fragen, wie lange einzelne Angebote aufrechterhalten werden können.“ Des Weiteren sprach sich die Runde für mehr Bürokratie-Abbau aus, damit Migrantinnen und Migranten einen schnelleren Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen. „Die Anerkennung beruflicher Abschlüsse dauert zu lang“, nannte Dorothee Großkraumbach vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie ein Beispiel.
Wie hilfreich die Unterstützung aus dem Netzwerk sein kann, bestätigte ihre Klientin Hinda H. Nach ihrer Flucht aus dem Irak, wo sie ihre Familie zurücklassen musste, baute sie sich Schritt für Schritt ein neues Leben in Deutschland auf. Eindrucksvoll schilderte sie ihren schweren Weg, der von Sprachproblemen, Arbeitslosigkeit und der ständigen Angst vor Abschiebung geprägt war. „Es ist wichtig, dass es Beratungsstellen gibt, die helfen.“ Inzwischen hat sie erfolgreich eine Ausbildung absolviert und 2024 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Seitdem wartet die 28-Jährige auf ihre Einbürgerung. „Warum dauert das so lange? Es ist mein großer Wunsch, ein Teil dieses Landes zu sein.“
Ralph Brinkhaus hörte den bewegenden Worten der jungen Frau aufmerksam zu und lobte ihre Integrationsleistung. Zudem würdigte er die Arbeit der Beratungsstellen und versprach, deren Anliegen im Blick zu behalten. Gleichzeitig stimmte er aber auch auf härtere Zeiten ein. Die wirtschaftlich angespannte Lage und neue „Ausgabenblöcke“ im Bundeshaushalt wie für die Verteidigung führten zu einer Verschiebung von Prioritäten. Ohnehin seien Beratungsstellen für ihn nicht der einzige Baustein zur Integration. Vielmehr brauche es gesamtgesellschaftliche Anstrengungen, um Teilhabe zu stärken.
So sehe er zum Beispiel die Wirtschaft noch stärker in der Pflicht, dauerhaft hier lebende Migranten fit für den heimischen Arbeitsmarkt zu machen, statt nach neuen Fachkräften aus dem Ausland zu rufen, sagte Ralph Brinkhaus. „Rosinenpicken geht nicht – gerade in Zeiten des Personalmangels.“ Auch Vereine und Zugewanderte seien aufgefordert, stärker aufeinander zuzugehen. Der Bundestagsabgeordnete plädierte dafür, wieder mehr gemeinsame „Lagerfeuer“ zu schaffen, an denen sich Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder kulturellem Hintergrund treffen, anstatt sich in einer „Blase“ von Gleichgesinnten zu bewegen. Von den Wohlfahrtsverbänden wünsche er sich, dass sie diese gesellschaftlichen Prozesse noch intensiver begleiten. „Zusammenleben ist der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander.“


